Lieben und Arbeiten

Schild 1. Mai

Jochen Kunath

Wie oft arbeiten Menschen sich an etwas ab? Arbeiten ist Mühe, nicht immer, aber oft genug.

 
Welch ein Zufall: In diesem Jahr fällt der 1. Mai, der Tag der Arbeit, auf einen Sonntag. Damit fallen zueinander „Arbeit“ und die Motive aus dem diesjährigen Bibeltext dieses Sonntags. In diesem Bibeltext (Johannes 21, 15-19) fragt Jesus Petrus, ob er ihn liebe. Petrus antwortet mit Ja und Jesus gibt ihm den Auftrag, seine Schafe zu weiden. Dreimal fragt Jesus und dreimal antwortet Petrus. Das hat etwas Penetrantes und fast Monotones. Es irritiert. Aber vielleicht ist die Sache, um die es geht, so wichtig, vielleicht braucht es diese Absicherung, das Dreimalige. Jesus und Petrus arbeiten sich an diesem Thema, an den Fragen und Antworten, an den Sätzen ab. Sie arbeiten sich an sich ab.
 
Wie oft arbeiten Menschen sich an etwas ab. Arbeiten ist Mühe, nicht immer, aber oft genug, die Arbeit zu Hause, für den kranken Partner, die Arbeit im Blick auf ein großes privates Ereignis, die Arbeit im Büro, im Betrieb, im Unternehmen, im Garten, auf dem Feld. Überall arbeiten sich Menschen ab, und je weniger das, was sie dafür währenddessen oder am Ende bekommen, zu dieser Mühe passt, um so mühevoller wird sie. Und wer nach diesem Ausgleich nicht fragt, braucht ihn wohl nicht, läuft aber Gefahr, sich selbst auszubeuten und Arbeit ist für ihn oder sie dennoch Abarbeiten. Arbeiten ist stets Segen und Fluch.
 
Wir leben seit einer Woche nachösterlich. Jesus und Petrus sind im Predigttext miteinander in einem Gespräch verstrickt, eines, das um etwas kreist, das wie immer tiefer bohrt, das den Beteiligten Einiges abverlangt. In scheinbarer Distanz von fast 2000 Jahren kommt es leichter daher. Ist es aber nicht. Dieses Gespräch der Beiden ist ein hartes Liebesgespräch. Darum geht es wohl: Liebst du mich? Wie oft sagen Menschen diesen Satz, denken ihn, und wo Menschen ihn mit Lebensernst sagen, da steht die Antwort aus, da warten Menschen auf die richtige, auf die entscheidende Antwort. Sie warten auf ein Ja. Ja, ich liebe dich, und sie wissen um den Auftrag, der damit verbunden ist, notwendig verbunden ist: Pass auf, achte darauf, bleibe in der Liebe, liebe mit deiner Kraft, mit deiner Zeit, mit deinem Mühen, weide meine Schafe.
 
Bei aller Hirtenromantik ist auch dieser „Job“ harte Arbeit. Auch wenn die Arbeit des Hirten wie aus der Zeit gefallen wirkt, und die Anzahl der Osterlämmer aus Teig und Schokolade die Zahl der echten Schafe wohl überragt, ist der Hirte immer auch Prototyp des biblischen Arbeiters. Er ist vielleicht auch im naturalen Liebesgespräch mit seinen Schafen. Arbeiten und Lieben sind zwei Seiten einer Medaille. Das gilt innerhalb und außerhalb der Kirche (wenn man das trennen möchte). Wer liebt, der arbeitet, der arbeitet an sich und am anderen, aber so, dass der andere er selbst wird, zu einem wunderbaren Werkstück göttlicher Liebe. Und wer arbeitet, der liebt, der liebt, der ringt der Welt Gestaltung ab, der müht sich, etwas der Welt abzugewinnen, der geht – wenn auch nie alles Zuckerschlecken ist – hin zur Arbeit und wieder heim und dazwischen ist er Mensch und so immer auch Liebender und Geliebter.
 
Es ist Zufall bzw. liegt im Rhythmus unserer Jahre, dass der Tag der Arbeit auf diesen Sonntag fällt. Gott ist im Selbstgespräch mit seiner Welt, er wälzt alles hin und her, die Kriege, die Panik, das Sterben des Klimas, Freude über Neugeborene, Trauer, Transformation, Einsparungen, uns, einen jeden, eine jede. All dies wälzt er in unendlichen Nächten seiner Liebe, immer durch Karfreitag hin zu Ostern. Ohne Vorberechnung, aber mit viel Liebe und Arbeit.
 
Ich dein baum
 
Nicht du sollst meine probleme lösen
sondern ich deine gott der asylanten
nicht du sollst die hungrigen satt machen
sondern ich soll deine kinder behüten
vor dem terror der banken und militärs
nicht du sollst den flüchtlingen raum geben
sondern ich soll dich aufnehmen
schlecht versteckter gott der elenden
 
Du hast mich geträumt gott
wie ich den aufrechten gang übe
und niederknien lerne
schöner als ich jetzt bin
glücklicher als ich mich traue
freier als bei uns erlaubt
 
Hör nicht auf mich zu träumen gott
ich will nicht aufhören mich zu erinnern
dass ich dein baum bin
gepflanzt an den wasserbächen
des lebens.
 
In: Loben ohne lügen, Dorothee Sölle, Berlin 2000, S. 12
 
 
  

Pfarrer Dr. Jochen Kunath

Leitung Kirchlicher Dienst in der Arbeitswelt / Studienleiter Arbeitswelt und Wirtschaft Evangelischen Akademie

Geboren in München und aufgewachsen in Karlsruhe, studierte er Theologie in Neuendettelsau und in Münster/Westfalen. Dort promovierte Kunath über den Begriff der Perspektive in der Theologie des Münchner Systematischen Theologen Wolfhart Pannenberg und arbeitet am Ökumene-Institut der Westfälischen-Wilhelms-Universität. Das Lehrvikariat führte ihn nach Baden-Baden und das Pfarrvikariat nach Mühlacker. Seine erste berufliche Station war das Gemeindepfarramt in Freiburg-Haslach. Dort führte er über sechs Jahre lang die Geschäfte einer 15.000 Mitglieder zählenden Großgemeinde und war zehn Jahre lang Mitglied der Landessynode der badischen Landeskirche. Darüber hinaus hatte er einen Lehrauftrag für systematische Theologie und Ethik an der evangelischen Hochschule. Sein besonderes Interesse galt der Reformulierung des Kirchenbegriffs unter postmodernen Bedingungen. 2015 wechselte er als theologischer Vorstand ans evangelische Diakoniekrankenhaus und als Vorsteher ans Diakonissenhaus Freiburg. Seine zahlreichen grundlegenden Reflexionen auf das Verhältnis von Leben, Glaube, Diakonie und Kirche münden in sein jüngstes Buch „Dem Leben Raum geben.“
Seit Oktober 2020 ist er in der Landeskirche in Baden Leiter des kirchlichen Dienstes in der Arbeitswelt und Studienleiter für Wirtschaft und Arbeit an der Akademie. Daneben ist er (seit elf Jahren) Schriftleiter der badischen Pfarrvereinsblätter und seit zwei Jahren Mitglied der Pfarrvertretung der Landeskirche in Baden.

Arbeitsschwerpunkte und Themen
 
- Leitung des KDA-Baden
- Studienleiter für Arbeitswelt und Wirtschaft an der Evangelischen Akademie Baden
- Wirtschaftsethik
- Unternehmenskultur
- Transformation der Arbeitswelt
- Ästhetischer Kapitalismus
 
Veröffentlichungen
 
-Hoc est corpus meum, in: Badische Pfarrvereinsblätter 1/2017, S. 30 ff.
-Was heißt theologisch leiten? Vortrag beim theologischen Abendgespräch des AEU Freiburg/Südbaden, März 2017.
-Dem Leben zugute – was macht eigentlich ein Theologischer Vorstand in diakonischen Unternehmen?, in: Badische Pfarrvereinsblätter 10/2017, S. 405 ff.