Mit einem Pfiff beginnt ein Fußballspiel, mit einem bisweilen garstigen Klingeln die Schulstunde. Mit der Eurovisionsmelodie die Familienshow am Samstagabend („Daramm-damm-da-damm-da-ram-damm, daram-da-da-damm-damm, daradadadada-damm …“ – hab mich schlau gemacht, das ist der Anfang des "Te Deum" von Marc-Antoine Charpentier, 1670), jedenfalls früher mal, und mit Geratter und Gebrüll der Aufbruch einer Asphaltdecke. Der 100-Meter-Lauf fängt mit einem Knall an und der Gottesdienst mit vollem Geläut. Wenn was anhebt, beginnt, sich aufmacht, dann scheint das oft genug mit Laut und Lärm verbunden.
Nicht immer: Das Jahr, dieses neue Jahr, das fängt an … mit Stille. Nein, nicht nur, weil in der Pandemie das Böllern verboten ist – es ist auch ein Irrtum, zu glauben, das Getöse zum Jahresende sei ein Willkommen für das neue; da werden nur die Geister des alten vertrieben (was in der Regel nicht gelingt) –, nein, vielmehr, weil das neue Jahr ganz leise, geradezu schweigsam, daherkommt. Wir kennen das Neue noch nicht, es spricht noch nicht, wir warten noch – und wer wartet, spitzt die Ohren, schaut und lauscht, ob er oder sie etwas erhaschen könnte von der Zukunft, die noch aussteht, aber schon im Kommen ist.
Natürlich, wir ahnen etwas von der Zukunft, wir ahnen, dass die Pandemie uns noch weiter beschäftigen wird, dass die Welt so unruhig sein wird, wie sie es immer war, wir können uns ausmalen, dass das Klima uns hitzig davonlaufen wird, wenn wir nicht eilends die richtigen Entscheidungen treffen, und wir schleppen persönlich manche Last mit uns, die über den Jahreswechsel nicht leichter geworden ist. Das eine oder andere macht uns Angst: Kriege und Kriegsgefahr, Menschenverachtung, Hassrede. Aber wir ahnen nur, wir wissen nicht, wissen geht nur in der Rückschau. Darum ist es still um’s Neue im neuen Jahr.
In die bisweilen ratlose Stille hinein spricht ein Satz, den ich sehr ermutigend finde, ein alter Satz, aus der Rückschau: „Durch Stille-Sein und Hoffen werdet ihr stark sein!“. So sagt Gott das durch den Mund des Propheten Jesaja (30,15); ich höre es als Rat, nicht als Forderung, als Versprechen: „Lasst euch ein auf diese Stille. Sie zeigt an, dass die Zukunft offen ist. Ihr kennt sie nicht, aber hofft nur kräftig, dass euch zukommt, was ihr braucht, was der Welt vonnöten ist.“ Stille-Sein und Hoffen, Lauschen und Aufmerksam-Sein, das sind offene Haltungen – wie ausgestreckte Hände, wie weit geöffnete Augen, wie aufgeschlossene Herzen, in Erwartung dessen, was die Zukunft bringt. Eine Zukunft, die uns von Gott her zukommt. Leise, ohne Knall und Krach, aber kraftvoll.
Kirchenrat i. R.
Thomas Weiß, Pfarrer, war bis Mai 2024 in der Landesstelle zuständig für die allgemeinen Leitungsaufgaben (u.a. Fachaufsicht, Konzeption, Grundsatzfragen) und für die Geschäftsführung der Evangelischen Arbeitsgemeinschaft für Erwachsenenbildung (EAEB) in Baden. Zu seinen besonderen Themenbereichen gehörten: Öffentlichkeitsarbeit, theologische Bildung und kulturelle Bildung. Er vertrat die EAEB und ihre Bildungsarbeit in der Landeskirche und in ökumenischen und politischen Gremien.
Zur Person:
1980 – 1987 Studium der Evang. Theologie in Bethel/Bielefeld und Heidelberg
1987 – 1990 Lehrvikariat in Mittelbaden und Pfarrvikariat in Südbaden
1990 – 1996 Pfarrer der Evang. Kirchengemeinde Kandern
1996 – 2002 Leiter der Bezirksstelle für Evang. Erwachsenenbildung in Freiburg, Lehrauftrag für Evang. Erwachsenenbildung an der Evang. Fachhochschule Freiburg
2002 – 2012 Pfarrer der Evang Jakobusgemeinde Heidelberg und der Evang. Lukasgemeinde in Gaggenau, jeweils Bezirksbeauftragter für Evang. Erwachsenenbildung
Mitglied im Förderkreis deutscher Schriftsteller*innen, Stuttgart, und in der Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik, Leipzig, seit 2020 Mitglied im PEN-Zentrum Deutschland
2012 – 2019 Pfarrer der Evang. Luthergemeinde Baden-Baden, Leiter der Bezirksstelle für Evang. Erwachsenenbildung Baden-Baden in Teildeputat
Juni 2019 – Mai 2024 Leiter der Landesstelle für Evang. Erwachsenen- und Familienbildung