Angekommen

die Heiligen drei Könige

Jochen Kunath

Die Könige sind am Stall angekommen. Mitte der Woche. Ein langer Weg liegt hinter ihnen. Sie haben gefunden, was sie gesucht haben. Sie sind im Leben angekommen. Heilige Drei Könige, Epiphanias liegt hinter uns, auch der Jahresbeginn, auch Weihnachten. Das alles liegt hinter uns. Sind wir auch angekommen? Beziehungsweise: Was kommt nun? Was liegt vor uns? Der aktuelle Sonntag, der 1. Sonntag nach Epiphanias, erzählt von der Taufe Jesu und erinnert Menschen an ihre Taufe, an den Beginn mit Gott. Weihnachten erzählt von der Geburt Jesu und erinnert an den Beginn Gottes mit seiner Welt. Das neue Jahr erzählt vom jährlichen Zeitenlauf und erinnert uns an die immer neue Chance des Jahresanfangs. Alles so etwas wie Geburtsgeschichten, Erinnerung daran, dass alles mit der Geburt anfängt. Auch und vor allem die Geburt unseres eigenen Lebens.
 
Martin Luther hat einmal für sich seinen eigenen Anfang bestimmt. Er fasste für sich und uns so: „Ich fange an der Krippe an.“ Ein Anfang ist uns gesetzt. Wir werden geboren. Über unsere Zeugung und unsere Geburt entscheiden wir nicht. Beides werden wir. Wir werden gezeugt. Wir werden geboren. Von bestimmten Menschen, zu einer bestimmten Zeit, an einem bestimmten Ort. Mit uns wird angefangen.
 
Und seitdem fangen wir an, fangen wir an zu lächeln, zu sprechen, zu denken, zu stehen, zu gehen, zu leben. Unser Leben ist voller Anfänge: der Anfang eines Tages am Morgen, der Anfang einer Nachricht mit einem ersten Wort, der Anfang mit einem Menschen durch eine erste Begegnung, der Schulanfang, der Anfang des Studiums, der Stelle, der Arbeit, der Anfang einer großen Liebe. So viele Anfänge, so viele Enden, so viel anfangen und aufhören, kommen und gehen, so viel Leben dazwischen.
 
Wir fangen mit Dingen und Menschen, Sachen und Vorhaben, Großen und Kleinem an, wir fangen vorsichtig, zärtlich, behutsam, mutig, ängstlich, hoffnungsvoll, mit letzter Kraft an. Wir fangen an bestimmten Orten an, an Orten, die wir erinnern, die bedeutsam sind, an denen manches, manchmal alles begann. Orte des Anfangs. Inmitten, dass so vieles immer gleich ist, sich ähnelt, regelmäßig ist und wiederkehrt, lebt unser Leben vom Anfang her, vom Anfangen.
 
So viele Weihnachten und Jahreswechsel haben wir schon erlebt, so oft die Heiligen Drei Könige am Stall ankommen sehen, verschieden und doch immer ähnlich in unserer Sehnsucht nach dem Heiligen daran, immer mit dem Blick auf diese eine Geburt und vielleicht der gleichen Frage: Womit anfangen? Wo anfangen? Überhaupt anfangen? Mit Gott?
 
Wo fängt Gott an? Er fängt hoffentlich in jenem Menschen, in jener Geburt des Menschen vom Himmel her an. Gott fängt im aller wahrsten Sinne mit sich selbst an. Er fängt mit sich an und gebiert sich selbst hinein in unsere Welt, in die damalige und immer neu in unsere.
Gott wird nicht geboren. Er gebiert sich selbst. Er macht einen Anfang mit sich und mit uns. Einen radikalen und ganz und gar göttlichen, sich selbst in die Welt gebenden Anfang. Er gebiert sich, alles Göttliche in und an ihm: Gott ist auf der Welt. Er setzt sich frei in die Welt, entbindet sich und die Welt wird zu seinem Geburtsort, zu seinem Lebensort, mit allem, was mit jeder Geburt getan wird: voller neuem Leben in die Freiheit hinein, ins Risiko des Lebens, ins Ungewisse, in die Verantwortung, in die Verletzlichkeit bis ans Kreuz.
 
Gott fängt mit uns bei der Krippe an. Ganz demonstrativ. Hier sehen wir Etwas und Elementares von seiner und von unserer Geburt. Hier fangen wir an. Mit uns. Mit ihm. Mit allem. Hier können wir ankommen nach einem langen Weg, finden, was wir suchen: „Welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder." (Wochenspruch Römer 8, 14)
 
 
Gebet

Aus dem Himmel ohne Grenzen
trittst du tastend an das Licht,
du hast Namen und Gesicht,
wehrlos bist du wie wir Menschen.
Als ein Kind bist du gekommen,
wie ein Schatten, der betört,
unnachspürbar wie das Rauschen,
das man in den Bäumen hört.
Bist erschienen wie ein Feuer,
wie ein Leitstern in der Not,
deine Spur weist in die Fremde,
bist verschwunden in den Tod.
Bist begraben wie ein Brunnen,
wie ein Mensch im Wüstensand.
Wird uns je ein andrer werden,
je noch Friede hier auf Erden?
Bist uns als ein Wort gegeben,
Furcht und Hoffnung in der Nacht,
Schmerz, der uns genesen macht,
Anbeginn und neues Leben.
(Huub Oosterhuis)
 
  

Pfarrer Dr. Jochen Kunath

Leitung Kirchlicher Dienst in der Arbeitswelt / Studienleiter Arbeitswelt und Wirtschaft Evangelischen Akademie

Geboren in München und aufgewachsen in Karlsruhe, studierte er Theologie in Neuendettelsau und in Münster/Westfalen. Dort promovierte Kunath über den Begriff der Perspektive in der Theologie des Münchner Systematischen Theologen Wolfhart Pannenberg und arbeitet am Ökumene-Institut der Westfälischen-Wilhelms-Universität. Das Lehrvikariat führte ihn nach Baden-Baden und das Pfarrvikariat nach Mühlacker. Seine erste berufliche Station war das Gemeindepfarramt in Freiburg-Haslach. Dort führte er über sechs Jahre lang die Geschäfte einer 15.000 Mitglieder zählenden Großgemeinde und war zehn Jahre lang Mitglied der Landessynode der badischen Landeskirche. Darüber hinaus hatte er einen Lehrauftrag für systematische Theologie und Ethik an der evangelischen Hochschule. Sein besonderes Interesse galt der Reformulierung des Kirchenbegriffs unter postmodernen Bedingungen. 2015 wechselte er als theologischer Vorstand ans evangelische Diakoniekrankenhaus und als Vorsteher ans Diakonissenhaus Freiburg. Seine zahlreichen grundlegenden Reflexionen auf das Verhältnis von Leben, Glaube, Diakonie und Kirche münden in sein jüngstes Buch „Dem Leben Raum geben.“
Seit Oktober 2020 ist er in der Landeskirche in Baden Leiter des kirchlichen Dienstes in der Arbeitswelt und Studienleiter für Wirtschaft und Arbeit an der Akademie. Daneben ist er (seit elf Jahren) Schriftleiter der badischen Pfarrvereinsblätter und seit zwei Jahren Mitglied der Pfarrvertretung der Landeskirche in Baden.

Arbeitsschwerpunkte und Themen
 
- Leitung des KDA-Baden
- Studienleiter für Arbeitswelt und Wirtschaft an der Evangelischen Akademie Baden
- Wirtschaftsethik
- Unternehmenskultur
- Transformation der Arbeitswelt
- Ästhetischer Kapitalismus
 
Veröffentlichungen
 
-Hoc est corpus meum, in: Badische Pfarrvereinsblätter 1/2017, S. 30 ff.
-Was heißt theologisch leiten? Vortrag beim theologischen Abendgespräch des AEU Freiburg/Südbaden, März 2017.
-Dem Leben zugute – was macht eigentlich ein Theologischer Vorstand in diakonischen Unternehmen?, in: Badische Pfarrvereinsblätter 10/2017, S. 405 ff.