Gott sitzt am Webstuhl

Garnspulen

Jochen Kunath

Menschen brauchen Bilder, neben Worten und Berührungen. Vielleicht brauchen Menschen besonders in schwierigeren Zeiten Bilder, in dunklen Zeiten, in Zeiten, die sich sehnen und auf Hoffnung hinzuleben.
 
Der Advent ist eine bilderreiche Zeit, manchmal übervoll, fast bildlaut. Bilder von Männern mit Bärten oder Engeln zum Beispiel. Schon von Anbeginn des Christentums an dürfte in der Adventszeit die Lichtmetaphorik prägend sein und damit verbunden das Bild vom Weg. Gerade der dritte Advent steht unter diesem Bildeindruck: Gott kommt zu uns – wir machen uns auf dem Weg zu ihm – wir machen ihm den Weg bereit - er führt uns von der Finsternis ins Licht. Diesen Weg gehen wir jedes Jahr auf´s Neue, immer wieder. Ein Leben lang.
 
Wie verknüpfen sich diese Wege im Advent im Lauf eines Lebens, welcher Faden, welches Muster wird aus den hoffentlich 80-90 Wegen im Advent in meiner Lebensbiografie geknüpft? In einem Lied mit Melodie und Text aus unbekannter älterer Zeit sitzt Gott am Webstuhl unseres Lebens. Er lässt die Fäden unseres Lebens durch seine Hände gleiten, er schafft und wirkt und es entsteht in seinen Händen ein Muster, unser Leben, gewebt aus hellen und dunklen, rauen und sanften, frohen und trüben Lebensfäden. Bis am Ende Gott alles zusammen gewoben hat, all unsere Lebensfäden miteinander verknüpft sind und unser Leben entstanden ist. Das Lied sagt nichts, was dann ist. Denkt man das Bild weiter, mag Gott dann vom Webstuhl wieder aufstehen. Wir sind gesponnen und in Ewigkeit gewoben.
 
Das Bild vom Webstuhl ist kein modernes, geschweige denn ein spätmodernes. Webstühle gibt es seit Jahrtausenden, die Industrialisierung hat sie den Menschen aus den Händen genommen und in Fabriken verpflanzt. In vielen uns eher fremden Ländern gibt es sie noch als Handwebstühle, hier bei uns als Hobbywebstuhl, im Kunstgewerbe oder als Webstuhl für teure Designerstücke. Aber müsste man das Bild vom Webstuhl im Zeitalter von Bits und Bytes nicht umwandeln in ein anderes Bild, ins Bild, wie Gott eventuell am einem kosmischen PC sitzt und aus unseren Datenmolekülen unser Leben zusammensetzt und es als Datenmenge strickt?
 
Mich spricht am Bild vom Webstuhl, an dem Gott sitzt und meine Lebensfänden webt, das Handwerkliche an, ja das Handfeste: Gott legt Hand an mich, „er schafft und wirket“, wie es im Liedtext heißt. Mich berührt, dass Gott sich mit mir Arbeit macht, mein ganzes Leben lang und es seine Aufgabe ist, meine Lebensfäden zusammenzuknüpfen, vielleicht weil ich es nicht so gut kann. Und mir gefällt, dass Weben wohl auch eine Kunst ist, dass Gott ein Kunsthandwerker ist und mein Leben ein von ihm geschaffenes Kunstwerk.
 
Und was hat das mit Advent zu tun? Kann man im Lied und im Bild des Webstuhls, an dem Gott sitzt, auch den Advent sehen? Vielleicht können Menschen in der dritten Strophe Weihnachten entdecken. Passiv wie an der Krippe, hinzugeeilt im Lauf des Advents, stehen wir am Webstuhl, Gott spinnt auch und gerade aus den rauen Fäden unser Leben. Wir sehen den goldenen Faden, der da entsteht, der von Gott eingewoben oder auch herausgewoben wird, der wie ins Muster hinein geboren wird. Vor uns wächst ein Bild gleich Weihnachten mit seinen Licht- und seinen Geburtsbildern: „Denn, ob es helle oder trübe, aus allem leuchtet doch hervor: der goldne Faden seiner Liebe, die mich zu seinem Kind erkor.“
 
Nochmal: Und Advent? Es mag die Bewegung sein, in der wir uns an den Webstuhl Gottes stellen, sehen und zuschauen, wie er webt, erfreut über das Goldene, was entsteht, aber auch erschrocken und bußfertig über die dunklen, trüben Lebensfäden. An einem Punkt würde ich sozusagen im Bild des Webstuhls, an dem Gott sitzt, weitergehen, das Bild weiter oder anders adventlich und spätmodern weitermalen: Menschen stehen nicht nur am Webstuhl, an dem Gott sitzt und webt, sondern Menschen weben mit. So oder so.
 
  

Pfarrer Dr. Jochen Kunath

Leitung Kirchlicher Dienst in der Arbeitswelt / Studienleiter Arbeitswelt und Wirtschaft Evangelischen Akademie

Geboren in München und aufgewachsen in Karlsruhe, studierte er Theologie in Neuendettelsau und in Münster/Westfalen. Dort promovierte Kunath über den Begriff der Perspektive in der Theologie des Münchner Systematischen Theologen Wolfhart Pannenberg und arbeitet am Ökumene-Institut der Westfälischen-Wilhelms-Universität. Das Lehrvikariat führte ihn nach Baden-Baden und das Pfarrvikariat nach Mühlacker. Seine erste berufliche Station war das Gemeindepfarramt in Freiburg-Haslach. Dort führte er über sechs Jahre lang die Geschäfte einer 15.000 Mitglieder zählenden Großgemeinde und war zehn Jahre lang Mitglied der Landessynode der badischen Landeskirche. Darüber hinaus hatte er einen Lehrauftrag für systematische Theologie und Ethik an der evangelischen Hochschule. Sein besonderes Interesse galt der Reformulierung des Kirchenbegriffs unter postmodernen Bedingungen. 2015 wechselte er als theologischer Vorstand ans evangelische Diakoniekrankenhaus und als Vorsteher ans Diakonissenhaus Freiburg. Seine zahlreichen grundlegenden Reflexionen auf das Verhältnis von Leben, Glaube, Diakonie und Kirche münden in sein jüngstes Buch „Dem Leben Raum geben.“
Seit Oktober 2020 ist er in der Landeskirche in Baden Leiter des kirchlichen Dienstes in der Arbeitswelt und Studienleiter für Wirtschaft und Arbeit an der Akademie. Daneben ist er (seit elf Jahren) Schriftleiter der badischen Pfarrvereinsblätter und seit zwei Jahren Mitglied der Pfarrvertretung der Landeskirche in Baden.

Arbeitsschwerpunkte und Themen
 
- Leitung des KDA-Baden
- Studienleiter für Arbeitswelt und Wirtschaft an der Evangelischen Akademie Baden
- Wirtschaftsethik
- Unternehmenskultur
- Transformation der Arbeitswelt
- Ästhetischer Kapitalismus
 
Veröffentlichungen
 
-Hoc est corpus meum, in: Badische Pfarrvereinsblätter 1/2017, S. 30 ff.
-Was heißt theologisch leiten? Vortrag beim theologischen Abendgespräch des AEU Freiburg/Südbaden, März 2017.
-Dem Leben zugute – was macht eigentlich ein Theologischer Vorstand in diakonischen Unternehmen?, in: Badische Pfarrvereinsblätter 10/2017, S. 405 ff.