Gänsehaut

Gänsehaut

Jochen Kunath

Gott hat keinen Körper. Zumindest nicht wie wir ihn kennen. Also hat Gott auch keine Haut und auch keine Gänsehaut. Auch wenn er davon nicht vollkommen unberührt bleiben kann, wie Menschen sind und leben. Gänsehaut ist, wenn sich bei einem Menschen die winzigen Muskeln anspannen und zu kleinen, aber sichtbaren Höckern auf der Haut werden und die Haare sich dadurch aufstellen. Gänsehaut ist aber mehr. Gänsehaut können Menschen kaum steuern. Es ist ein alter urmenschlicher Reflex. Gänsehaut bekommen Menschen, wenn ihnen kalt ist, wenn sie von etwas tief angerührt sind, wenn es sie gruselt, wenn sie sich fürchten.
 
Ende Oktober und Anfang November ist Gänsehautzeit. An Halloween werden Kürbisse zu Grimassen geschnitzt und verkleidete Kinder rufen „Süßes oder Saures“. Gruseln und Gänsehaut werden kollektiv und kommerziell präsent. Einen Tag später feiert die katholische Kirche Allerheiligen und gedenkt gemeinsam ihrer Verstorbenen und der Heiligen. Begibt man sich tief in diesen Ritus und zur Dämmerung auf einen Friedhof, kann sich eine ehrfürchtige Gänsehaut einstellen. Und ein Tag davor begeht die evangelische Kirche ihren Reformationstag und erinnert sich an Luther und die anderen Reformatoren und vor allem daran, welche damals neue und andere Form des Glaubens an Gott entstanden und seitdem gewachsen ist. Eigentlich auch ein Gänsehautmoment, ein protestantischer.
 
Aber: Erzeugt unser protestantischer Glaube in der Gesellschaft, bei den Menschen und bei uns selbst noch so etwas wie eine Gänsehaut? Eine Gänsehaut der Ehrfurcht, ja der Gottesfurcht und der gewissen Anspannung darüber, was passiert, wenn Gott passiert? Vielleicht wollten die Reformatoren eine bestimmte Art von Gänsehaut aus der Welt und Gesellschaft und aus jedem Menschen vertreiben: Die Gänsehaut, die aus purer Angst kommt, aus Todesangst und Lebensangst. Das trostreiche weihnachtliche und österliche „Fürchte dich nicht“ lag ihnen am Herzen und ein Gott, der zwar Ehrfurcht fordert, aber nicht Angst einflößt, sondern der Menschen mit Liebe begegnet und sie von Angst befreit, zu einem neuen Leben. Freiheit statt Angst ist das, was uns an diesen Tagen Gänsehaut verursachen könnte. Eine Gänsehaut, weil wir spüren: Da passiert uns mit unserem Gott eigentlich Ungeheuerliches, es geschieht uns eine Freiheit, die nicht absolut ist, die uns an Gott bindet, aber wirklich frei macht zu einem Leben in ungeahnt geborgener und geliebter Weise. Ein Leben mit Gott und ohne Angst. Eine große Vision, ein Gänsehaut-Ewigkeits-Augenblick.
 
Gott hat wohl keinen Körper in unserem Sinne. Unsere Kirche könnte sein Körper sein, seine Verkörperung in der Welt und Gesellschaft, mitten unter den Menschen. Dann könnte vielleicht doch Gott eine Gänsehaut haben, ja bekommen, aus berührter Liebe zu uns. Und wir als Kirche hätten Gänsehaut, als evangelische Kirche würde es uns heiß und kalt den Rücken runterlaufen, wenn wir in diesen Tagen predigen und selbst hören, was Gott uns am Reformationstag durch den Predigttext sagt: „Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen!“ (Galater 5,1)
 
  

Pfarrer Dr. Jochen Kunath

Leitung Kirchlicher Dienst in der Arbeitswelt / Studienleiter Arbeitswelt und Wirtschaft Evangelischen Akademie

Geboren in München und aufgewachsen in Karlsruhe, studierte er Theologie in Neuendettelsau und in Münster/Westfalen. Dort promovierte Kunath über den Begriff der Perspektive in der Theologie des Münchner Systematischen Theologen Wolfhart Pannenberg und arbeitet am Ökumene-Institut der Westfälischen-Wilhelms-Universität. Das Lehrvikariat führte ihn nach Baden-Baden und das Pfarrvikariat nach Mühlacker. Seine erste berufliche Station war das Gemeindepfarramt in Freiburg-Haslach. Dort führte er über sechs Jahre lang die Geschäfte einer 15.000 Mitglieder zählenden Großgemeinde und war zehn Jahre lang Mitglied der Landessynode der badischen Landeskirche. Darüber hinaus hatte er einen Lehrauftrag für systematische Theologie und Ethik an der evangelischen Hochschule. Sein besonderes Interesse galt der Reformulierung des Kirchenbegriffs unter postmodernen Bedingungen. 2015 wechselte er als theologischer Vorstand ans evangelische Diakoniekrankenhaus und als Vorsteher ans Diakonissenhaus Freiburg. Seine zahlreichen grundlegenden Reflexionen auf das Verhältnis von Leben, Glaube, Diakonie und Kirche münden in sein jüngstes Buch „Dem Leben Raum geben.“
Seit Oktober 2020 ist er in der Landeskirche in Baden Leiter des kirchlichen Dienstes in der Arbeitswelt und Studienleiter für Wirtschaft und Arbeit an der Akademie. Daneben ist er (seit elf Jahren) Schriftleiter der badischen Pfarrvereinsblätter und seit zwei Jahren Mitglied der Pfarrvertretung der Landeskirche in Baden.

Arbeitsschwerpunkte und Themen
 
- Leitung des KDA-Baden
- Studienleiter für Arbeitswelt und Wirtschaft an der Evangelischen Akademie Baden
- Wirtschaftsethik
- Unternehmenskultur
- Transformation der Arbeitswelt
- Ästhetischer Kapitalismus
 
Veröffentlichungen
 
-Hoc est corpus meum, in: Badische Pfarrvereinsblätter 1/2017, S. 30 ff.
-Was heißt theologisch leiten? Vortrag beim theologischen Abendgespräch des AEU Freiburg/Südbaden, März 2017.
-Dem Leben zugute – was macht eigentlich ein Theologischer Vorstand in diakonischen Unternehmen?, in: Badische Pfarrvereinsblätter 10/2017, S. 405 ff.